Stadt
Die leise Ökonomie der Reparatur
Eine Fahrradwerkstatt in Leipzig repariert 3.000 Räder im Jahr und wirft fast nichts weg. Was ihre Zahlen über die Läden sagen, die wir behalten, und über die, die wir verlieren.
Von Clara Neumann, Stadtredaktion
21. Okt. 20269 Min. Lesezeit
Karim Haddad schließt die Werkstatt um acht auf, aber die erste Kundin wartet meist schon um Viertel vor. Ihr Kindersitz hat sich auf dem Weg zur Kita gelöst, und er muss vor neun wieder fest sein. Haddad richtet ihn in vier Minuten auf dem Gehweg und nimmt nichts dafür.
1Kostenlose Kleinigkeiten nehmen etwa sechs Prozent des Arbeitstags ein. Haddad zählt sie in einem Notizbuch und nennt sie die billigste Werbung der Stadt.
Diese kleine Geste ist im Grunde das ganze Geschäftsmodell. Das meiste, was die Werkstatt verdient, kommt von Menschen, die zuerst für etwas Kostenloses kamen. Die Hälfte kommt innerhalb eines Jahres für eine Wartung wieder, die echtes Geld kostet, und fast alle erzählen es weiter.
2Aus den eigenen Aufzeichnungen der Werkstatt für 2025, 1.240 erste Besuche und 618 Wiederkehrende innerhalb von zwölf Monaten.
Teile statt Produkte
Im Hinterzimmer liegen rund 9.000 Teile in Schubladen, die Haddad von Hand beschriftet hat. Manche sind älter als er. Ein Rad, das ein größerer Laden für 600 Euro ersetzen würde, braucht oft ein Lager für 14 Euro und eine Stunde Geduld, und Geduld ist das Teil, das man schwer kaufen kann.
3Ein neues Lager für eine gängige Nabe kostet zwischen 9 und 18 Euro. Die Arbeit wird mit 52 Euro die Stunde berechnet.
Werkstätten wie seine gab es früher an jeder zweiten Ecke. Die, die geblieben sind, teilen drei Gewohnheiten. Sie halten die Miete niedrig, sie haben einen Vorrat gebrauchter Teile, und ihre Preise stehen sichtbar auf einer Tafel an der Tür, damit niemand fragen muss.